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Der erste Schritt in Richtung Profifussball

Bericht aus "Der Rheintaler", 19.06.2021

Einmal in einem grossen Stadion vor Tausenden Fans spielen: Davon träumen viele Kinder, auch im Rheintal. Doch der Weg ist sehr lang.

Nach und nach treffen sie ein auf der Auer Sportanlage Degern, die 90 Buben und Mädchen, die Profis werden wollen. Im Clubhaus zeigt Daniel Eugster den Trainern, welche Übungen anstehen, dann geht’s los. Die Teilnehmer des Sichtungstrainings teilen sich auf sechs Stationen auf, die von je zwei Trainern – sie haben ein Clipboard dabei und machen fleissig Notizen – betreut werden.Daniel Eugster ist Leiter des Stützpunkts Rheintal-Bodensee der Nachwuchsorganisation des FC St. Gallen. Die Junioren der fünf Mannschaften, die unter dem Namen Team Rheintal*Bodensee spielen, stammen aus allen Clubs zwischen Steinach und Rüthi. Sie sind der Rheintaler Spitzennachwuchs, orientieren sich an Leuchttürmen wie Betim Fazliji, Nicolas und Ga­briel Lüchinger, die aus diesem Gefäss heraus den Sprung in den Profifussball geschafft haben. Sie zeigen: Es ist möglich, sich diesen Traum zu erfüllen.

Technik, Intelligenz, Persönlichkeit, Schnelligkeit

«Wo isch de Rhombus?», fragt Antonio Stella, einer der Sichtungstrainer, seine Gruppe. Die Frage zeigt: Es ist kein Spasstraining. Hier herrscht Konkurrenzkampf, von den 90 schaffen es nur rund 25 ins Team. Die Übungen bereiten dann auch weniger Spass als Juniorenfussball sonst; sie dienen den Trainern dazu, Talent und Einstellung zu erkennen und zu beurteilen.Für diese Beobachtung gibt es vier hauptsächliche Gesichtspunkte, sie heissen TIPS: Technik, (Spiel-)Intelligenz, Persönlichkeit und Schnelligkeit. In diesen vier Gebieten werden die Kinder in drei Sichtungstrainings getestet, regelrecht durchleuchtet. Denn: Den Traum vom grossen Fussball hegen viele. Dafür braucht es aber mehr als spielerisches Talent. «Den Kopf müssen sie mitbringen, alles andere können wir ihnen beibringen», sagt Roger Baumgartner, in der Fussballszene bekannt unter dem Namen Wuschi. Entscheidender als das Talent selber sei der unbändige Wille, es wirklich schaffen zu wollen.

Wichtig ist es, für alle eine Anschlusslösung zu finden

Talentförderung beginnt früh, die Buben sind beim Sichtungstraining elfjährig. Die, die es ins Team schaffen, bleiben ein weiteres Jahr beim Stammverein und trainieren einmal pro Woche zusammen. Ab der FE12 sind sie dann fix beim Team Rheintal-Bodensee, bis zur U15, wenn sie es schaffen – jährlich gibt es eine Art Qualifikationsgespräch. Eine Meisterschaft gibt es erst bei der U15. Im Vordergrund steht die fussballerische Ausbildung, nicht das Resultat. Spiele gibt’s nur hin und wieder gegen andere der zehn FCO-Stützpunkte. Der Aufwand, den die Buben für ihren grossen Traum auf sich nehmen, ist gross. 14 Spieler besuchen ab dem Sommer etwa die Sportoberstufe an der OMR in Heerbrugg. Dort trainieren sie viermal pro Woche, gleich oft wie beim Team R*B. Kommen noch Spiele dazu, sind das neun Trainingseinheiten in sieben Tagen – das ist ein Rhythmus wie den eines Profi. Das Team Rheintal-Bodensee bietet den Talenten den ersten Schritt in Richtung Leistungssport. Gehen müssen sie ihn jedoch selber, denn in nicht vielen Bereichen ist die Konkurrenz so hoch. So ist es der Organisation auch wichtig, für alle Spieler eine Anschlusslösung zu finden. Auf der einen Seite heissen die FC St. Gallen, Wil oder Liechtensteiner Fussballverband. Auf der anderen Seite heissen sie jedoch auch FC Widnau, FC Au-Berneck, FC Rüthi. Dem Stützpunkt R*B ist es auch wichtig, dass niemand den Spass am Fussball verliert. Und auch der Breitensport profitiert von gut ausgebildeten Spielern.

Der Rheintaler, 19.06.2021

Remo Zollinger